Lernen in der Postkreidezeit
header

Lehrer von morgen heute denken

4 Minuten Lesezeit

Mit der Frage, welche Rolle Lehrende in der Zukunft einnehmen werden, beschäftigen sich zurzeit die Teilnehmer an der Blogparade von Dejan Mihajlovic (@dejanfreiburg), Tom Mittelbach (@MittelbachTom) und Karl Berstein (@herrberstein). Folgende Aspekte werden dabei diskutiert:

1 Was sollte ein guter Lehrer morgen leisten können?
2 Wie müsste man dafür die Lehrerausbildung ändern?
3 Wie müsste man dafür die Schule / Arbeitsbedingungen ändern?)

Die Diskussion im Blog von
Dejan Mihajlovic
Tom Mittelbach
Karl Berstein

Die Rolle von Lehrenden in der Zukunft

Bereits jetzt sollte eigentlich eine Lehrperson nicht mehr dozieren und nur deklaratives Wissen vermitteln. Deklaratives Wissen muss vernetzt und reflektiert werden - im Fremdsprachenunterricht z.B. interkulturelles Lernen statt Landeskunde. Wir alle müssen lernen, die Informationsflut in unserer digitalisierten Welt effektiv zu nutzen, was Informationsmanagement voraussetzt. Um Lernende handlungsfähig zu machen, ist darüber hinaus wichtig, Methodenkompetenz zu schulen. Bei der Gestaltung von Lernprozessen müssen zudem persönlichkeitsbezogene Kompetenzen der Lernenden Berücksichtigung finden. Lernerautonomie muss gefördert werden, denn nur dann ist lebenslanges Lernen möglich. Effektiver können Lernprozesse gestaltet werden, wenn Lernen nach konnektivistischem Prinzip erfolgt. Jedes Mitglied einer Lerngemeinschaft bringt dabei seine Stärken und sein Wissen ein. Dies fördert gleichzeitig soziales Lernen. Man nimmt Rücksicht auf andere, respektiert andere Einstellungen, schätzt die Beiträge der anderen und begreift, dass eine Share-Haltung auch zum eigenen Lernerfolg beiträgt, da jeder von jedem profitiert und man Rückmeldung auf seine eigenen Produkte erhält, was im positiven Fall Zufriedenheit hervorruft und im negativen Fall ermöglicht, sich weiterzuentwickeln. Social Skills sind für die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit wichtig und werden auch im späteren Beruf gefordert.
Aufgrund dieses Paradigmenwechsels wird der Lehrende eher zum Lernbegleiter oder -berater. Es geht darum, Neugier zu wecken und Motivation aufzubauen für neue Lerninhalte. Des Weiteren müssen Hilfen zur Strukturierung von Lernprozessen angeboten werden. Der Lehrende ist damit nicht mehr zentraler Akteur des Unterrichts, sondern gestaltet Rahmenbedingungen und zeigt mögliche Wege auf, damit die Lernenden selbstständig zu Zielen gelangen können.

Lehrerausbildung

Lehrende müssen über ein breites Methodenrepertoire verfügen, das ihnen ermöglicht, Lerninhalte individuell für die Mitglieder der Lerngruppe aufzubereiten. Sie müssen offene Unterrichtsformen kennen und die Möglichkeit zur Erprobung erhalten.

Die erste Ausbildungsphase (universitäre Ausbildung)

Neben der fachwissenschaftlichen Ausbildung muss eine Auseinandersetzung mit allgemein didaktischen Strukturen sowie fachdidaktischen Aspekte ermöglicht werden. Bereits jetzt gibt es an der Universität des Saarlandes das semesterbegleitende fachdidaktische Praktikum. Hier könnte noch stärker die Möglichkeit genutzt werden, erworbene Kompetenzen direkt im Unterricht zu erproben, eventuell auch in Form von Teamteaching.

Die zweite Ausbildungsphase (Referendariat)

In der zweiten Ausbildungsphase geht es darum, die in der ersten Phase erworbenen Kompetenzen zu vertiefen und zu erweitern. Bei der Unterrichtsplanung kann das Modell der themenzentrierten Interaktion helfen, das die einzelne Person, das Beziehungsgefüge innerhalb der Lerngruppe, das äußere Umfeld sowie den Lerninhalt analysiert, um Lernprozesse in einer Gemeinschaft erfolgreicher zu gestalten. Referendare müssen sich Methoden aneignen, Lernangebote schülerzentriert zu gestalten. Damit verbunden wird es in der zweiten Ausbildungsphase schwierig, die bisherige Form der Leistungsfeststellung beizubehalten. In 45minütigen Lehrproben sind diese Formen nur bedingt zu realisieren. Es wäre meiner Meinung nach sinnvoller, eine Unterrichtseinheit zu bewerten und innerhalb dieser zu hospitieren. Man könnte den Referendar nach Abschluss der Hospitationsreihe entscheiden lassen, welche Stunde bewertet werden soll. Das würde gleichzeitig die Reflexionskompetenz schulen.

Die Schule der Zukunft

Starre Zeitmodelle und geschlossene Klassenräume erschweren selbstständiges Lernen. Eine Mischung zwischen individuellen Phasen zum selbstständigen Arbeiten an Lernaufgaben oder mit Lernarrangements und Präsenzphasen zur Präsentation und Evaluation von Ergebnissen würden mehr Freiraum geben. Hinzukommen könnten Sprechzeiten mit den Lernberatern, um individuelle Fragen und Probleme zu diskutieren. Schule müsste sich demnach öffnen und auch außerschulische Lernorte stärker einbeziehen.
Ein wichtiger Beitrag zur Förderung der Lernerautonomie leisten digitale Medien. Das Internet ermöglicht eine selbstständige Informationsbeschaffung, kollaboratives bzw. kooperatives Arbeiten sowie konnektivistisches Lernen. Daher müssen geeignete Konzepte gefunden und eine entsprechende technische Infrastruktur geschaffen werden.
Aufgrund der schnellen und einfachen Informationsbeschaffung über das Internet und der Wichtigkeit, Lernenden zu ermöglichen, sich zu mündigen Mitmenschen, die Informationen selektieren und kritisch hinterfragen können, zu entwickeln, ist es nicht sinnvoll, Leistungsmessungen im reproduktiven Bereich zu konzipieren. Das Internet der Dinge und die schnelle Verbreitung von Wearables lassen uns in Zukunft zudem nicht mehr kontrollieren, aus welchen Quellen die Prüfungsantworten eventuell stammen. Daher wird es meiner Meinung nach in der Zukunft unumgänglich sein, mobile Endgeräte in Prüfungen zuzulassen und Aufgabenformate zu finden, die reine Reproduktion unmöglich machen, sondern Kompetenzen wie Informationsmanagement und Reflexion sowie Problemlösung evaluieren.

blog comments powered by Disqus