Lernen in der Postkreidezeit
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Lost in Space? Lernen in einer digital geprägten Gesellschaft

6 Minuten Lesezeit

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Am 19. März trifft sich die Schüler Union Saar, NRW und Pfalz zu einem Austausch zum Thema Schule 2.0. Aus diesem Anlass wurden Rüdiger Fries und ich gebeten, einen Impulsvortrag zu halten. Wir haben uns entschieden, dies in Form eines Pecha Kucha zu gestalten.

Folien

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Skript

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Pecha Kucha

Lernen in einer digital geprägten Gesellschaft. Verändert sich unser Lernverhalten durch Digitalisierung? Macht digital dement oder schlau? Lagern wir Denkprozesse nur noch aus oder lernen wir besser oder einfach nur anders? Werden wir zu sozial isolierten Nerds, zu sozialfähigen Geeks oder zu digital Emigrants?

Wie nutzen wir privat digitale Medien? Wir sind vernetzt, kommunizieren über WhatsApp, Skype, Teamspeak & Co. Wir fragen Google, wenn wir mal nicht weiterwissen. Das Internet ist unsere bevorzugte erste Informationsquelle. Wir sind always on und in unseren Messengergruppen ist immer jemand da, wenn wir schnelle Hilfe brauchen.

Die digital vernetzten Medien prägen unsere Lebenswirklichkeit. Wir nutzen persönliche Gespräche im Real Life wie auch Kommunikation in virtuellen Welten. Der Umgang mit digitalen Medien ist also eine Basiskulturtechnik, wie Rechnen, Schreiben und Lesen. Lernen ist zunehmend Lernen im Netz und in Netzwerken.

Wir präsentieren uns in Youtube, Snapchat und Instagram. Likes, Klickzahlen und Highscores motivieren uns. Aber brauchen wir das im Unterricht? Oder machen Handyverbote doch Sinn, um nicht dauernd abgelenkt zu sein? Ist Schule der Ort der Sozialisation, wo wir endlich mal unsere Ruhe haben vor all den Social Media Banalitäten?

Wir können uns der digitalen Welt nicht verschließen. Durch die Nutzung von mobile Devices im Unterricht vermeidet man einen Medienbruch zwischen schulischem und außerschulischem Lernen. Die Haltung gegenüber dem Medium sollte eine positiv pragmatische sein. Gamifizierung von Lehr-Lernprozessen motiviert. Warum nicht mal den Lernerfolg in Highscores messen?

Googelt man aber nach digitalem Klassenzimmer, erscheinen hauptsächlich Bilder von Klassenräumen mit einem interaktiven Whiteboard im Zentrum und frontaler Ausrichtung. Ist es das, was Lernen mit digitalen Medien ermöglicht? Ersetzen wir einfach analoge durch digitale Medien? Oder brauchen wir eher neues Lernen mit digitalen Medien?

Die Medienkonvergenz von Text, Bild und Ton macht mehr möglich als reine Internetrecherche. Und wir können selbst aktiv werden. Bei kollaborativen und kooperativen Aktivitäten kann jeder seine Stärken einbringen. Gamifizierte Aktivitäten motivieren. Produktorientierte Aktivitäten setzen kreatives Potenzial frei.

Allerdings steht Schule vor der Herausforderung, Medienkompetenz zu fördern und gleichzeitig sensible Daten zu schützen. Schwimmen lernt man nicht an Land und Medienkompetenz nicht offline. Und hier ist es Aufgabe von Schule, für einen verantwortungsbewussten Umgang mit eigenen und den Daten anderer zu sensibilisieren.

Wie kann ich Social Media nutzen und sensible Daten schützen? Eine Möglichkeit ist die Anschaffung schuleigener Geräte, die anstelle der Lernenden registriert werden. Dies ermöglicht die Interaktion und kooperatives Arbeiten ohne personenbezogene Daten zu tracken. Dies kann auf freiwilliger Basis mit dem Konzept Bring Your Own Device kombiniert werden.

Wie sieht Lernen mit digitalen Medien momentan in deutschen Schulen aus? Der Länderindikator, eine Studie im Auftrag der Telekom Stiftung, hat die Situation analysiert und Handlungsempfehlungen entworfen. Unter anderem wird empfohlen, didaktische Konzepte weiterzuentwickeln und die Ausstattung entsprechend anzupassen.

Digitale Medien werden bereits häufig im Unterricht eingesetzt, jedoch kann durch Medienintitiativen und stärkere Kooperation zwischen Schulen und anderen Bildungseinrichtungen die Nutzung effektiver gestaltet werden. Zugang zu WLAN und einem internetfähigen Endgerät helfen, Lernprozesse zu demokratisieren.

Und wie sieht es im Saarland aus z.B. mit der Einbindung sozialer Netzwerke in den Unterricht? In einer Empfehlung an die Schulen werden den Unterrichtenden große pädagogische Freiräume zugestanden. Zunächst sollte im Unterricht der kritische und verantwortungsvolle Umgang in Bezug auf Eigen- und Fremddarstellung im Netz stehen.

Social Media dürfen genutzt werden, jedoch darf niemand gezwungen werden, ein Nutzerkonto zu erstellen oder eigene Daten im Netz zu veröffentlichen. Des Weiteren muss sichergestellt werden, dass jeder Zugang zu den schulischen und unterrichtsrelevanten Informationen hat und ggf. müssen alternative Möglichkeiten und alternative Kommunikationskanäle gefunden werden.

Das Erstellen von Medienentwicklungsplänen zur Nutzung digitaler Medien liegt in der Verantwortung jeder Schule. Neben einer Ausarbeitung von didaktischen Konzepten sollen Hausordnungen den Umgang mit digitalen Medien in schulischem Rahmen thematisieren. Immer mehr Schulen erlauben Smartphones im Unterricht und in außerunterrichtlichen Freiarbeitsphasen.

Jeder kann somit frei wählen, wie er seinen Lernprozess gestaltet und welche Daten er von sich preisgibt. Dies fördert eine hohe Lernerautonomie, die jedoch Medienkompetenz voraussetzt. Und dafür sind Kompetenzen in der rezeptiven wie auch produktiven Nutzung digitaler Medien wichtig.

Eine Herausforderung der rezeptiven Nutzung ist der Umgang mit Informationen. Wir müssen mit einer Flut von Informationen klarkommen, nach Relevanz filtern, seriöse von weniger seriösen Quellen unterscheiden und auch bei seriösen Quellen eine kritische Distanz zu den Darstellungen bewahren.

Das Potenzial produktiver Nutzung liegt im Aufbau von persönlichen Netzwerken. Soziale Interaktion durch Teilen von Informationen macht Informationsmanagement effektiver. Durch kompetente Nutzung von Social Media können wir an der Gesellschaft teilhaben und gesellschaftliche Prozesse mitgestalten. Bleibt die Frage... Wie sieht die Zukunft aus?

Wie verändert sich Lernen? Durch Virtual und Augmented Reality werden neue Lernerfahrungen möglich. Über Live-Streams können wir ortsunabhängig an Veranstaltungen unserer Interessensgebiete teilnehmen. Learning Analytics geben uns differenziert Rückmeldung über unseren Lernerfolg und individualisieren unsere Lernprozesse.

Die Ausgangsfrage “Wie können wir digitale Medien einsetzen?” ist nicht zwingend, sondern eher: ”Wie gestalten wir Unterricht für das Erlernen der Kompetenzen des 21. Jahrhunderts und in dem individuell und selbtsgesteuert gelernt werden kann?” Digitale Medien sind dann Teil der Antwort, nicht der Frage.

Lernen in einer digital geprägten Gesellschaft heißt, sich kritisch, respektvoll, kreativ und selbstbestimmt im Netz zu bewegen. Diese Entwicklungen sollten uns weder Angst bereiten noch zu blindem Aktionismus führen. Es geht darum, Risiken zu erkennen und damit angemessen umzugehen sowie Vorteile zu nutzen.

weitere Infos

Bertelsmann Stiftung: Digitale Medien haben das Potenzial für individuelle Förderung
Deutsche Telekom Stiftung: Länderindikator
Gesellschaft für Informatik: Dagstuhl-Erklärung
MBK: Umgang mit sozialen Netzwerken
Medienkompetenzportal NRW: Begriffsbestimmung Medienkompetenz
Muuß-Merholz, Jöran: Chancen der Digitalisierung für individuelle Förderung im Unterricht – zehn gute Beispiele aus der Schulpraxis
pb21: Ist Facebook in der Schule erlaubt oder verboten?