Lernen in der Postkreidezeit
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Ein Referendariat ohne Noten

7 Minuten Lesezeit

Die Frage nach der Sinnhaftigkeit von Noten

Am Ende des Referendariats steht das 2. Staatsexamen und daher ist das Ermitteln einer Examensnote in den Prüfungsordnungen in jedem Bundesland vorgeschrieben, unabhängig davon wie unterschiedlich die Vorbereitungszeit organisiert ist.
Im schulischen Unterricht entfernen wir uns von punktuellen Leistungsmessungen und individualisieren, geben formatives Feedback und bewerten immer mehr prozessorientiert. Bei den Referendaren, die das Bildungssystem im Vorbereitungsdienst kennenlernen sollen, verläuft die Leistungsmessung jedoch noch nach traditionellen Mustern. Auch wenn die Ergebnisse der Lehrproben, die punktuelle Leistungen darstellen, nicht die einzigen Komponenten der Examensnote sind, so bilden sie dennoch einen starken Schwerpunkt, um Notengebung nicht zu einem willkürlichen Ermessen werden zu lassen. Es bleibt die Frage, wie aussagekräftig diese Note ist für die erworbenen Kompetenzen und welche Informationen die Schulleitung der einstellenden Schule für den Berufseinstieg des Referendars den Noten entnehmen kann. Darüber hinaus sind eine Schwerpunktsetzung in den Ausbildungszielen und ein Arbeiten an den gesetzten Zielen schwierig, wenn in der Lehrprobe alle Kompetenzbereiche bewertet werden und nicht mehr nur die Entwicklung in den Schwerpunktbereichen evaluiert wird. Daher muss in den Evaluationsgesprächen nach einer Unterrichtsstunde auch zu jedem Bereich Rückmeldung gegeben werden, was schnell zu einer Überforderung des Referendars führen kann. Unterrichten ist sehr komplex und es kann nicht in allen Bereichen auf einmal eine Perfektionierung in gleichem Maße stattfinden. Daher ist es sinnvoller, realistische Ziele zu setzen und diese selbstverantwortlich zu verfolgen. Hier passen somit eine angestrebte individualisierte, prozessorientierte Ausbildung und Leistungsmessung nur bedingt zusammen.
Zudem ist es wichtig, dass die Referendare selbst eine individuelle, prozessorientierte Art von Evaluation erfahren, um diese dann auch in ihrem Unterricht durchführen zu können.
Es ist klar, dass es bei der Evaluation nicht nur um Hilfen zur Professionalisierung geht, sondern eine Bewertung auch über die Einstellung in den Schuldienst nach dem Referendariat entscheidet. Daher kann nicht ganz auf eine abschließende Bewertung verzichtet werden. Diese Bewertung muss sich jedoch nicht in einer Note ausdrücken.

Das Referendariat für die Sekundarstufen I und II an Gymnasien und Gemeinschaftsschulen im Saarland

Im Saarland ist für das Lehramt für die Sekundarstufen I und II an Gymnasien und Gemeinschaftsschulen ein dreisemestriger Vorbereitungsdienst mit jeweils einer Lehrprobe pro Halbjahr (s. Ausbildungs- und Prüfungsordnung - LPO II) vorgesehen. Das 1. Ausbildungshalbjahr besteht vorwiegend aus Hospitationen im Unterricht des Fachleiters und der Übernahme von Einzelstunden sowie einer Unterrichtsreihe für die Lehrprobenstunde. Im 2. und 3. Semester kommt zu dem Hospitationsunterricht eigenverantwortlicher Ausbildungsunterricht hinzu mit jeweils einer weiteren Lehrprobe pro Fach und Semester. Am Ende des Vorbereitungsdienstes findet eine mündliche Prüfung in jedem fachdidaktischen Bereich sowie in dem Bereich der allgemeinen Didaktik statt. Die Examensnote wird ermittelt aus den jeweiligen Vornoten, den Noten der jeweiligen Prüfungslehrproben sowie dem Ergebnis der mündlichen Prüfung.

Ein mögliches Modell ohne Noten

Es geht im Vorbereitungsdienst darum, dass der Referendar in der Praxis seine in der ersten Ausbildungsphase an der Universität erworbenen Kompetenzen anwenden und weiterentwickeln kann, um dann eigenverantwortlich Lerngruppen zu begleiten. Es geht auch darum, dass der Referendar in dieser Zeit nochmals reflektieren kann, ob er in diesem Beruf ein Leben lang glücklich wird. Also sind Selbstreflexionskompetenzen sowie Feedback von anderen wichtig. Selbstreflexion muss demnach gefördert werden und es muss Möglichkeiten geben, Feedback von anderen zu erhalten als Impulse für die eigene Professionalisierung.

1. Semester

Da der Referendar noch nicht viele Unterrichtsstunden plant und durchführt, ist ein E-Portfolio noch wenig sinnvoll, da zu wenig Dokumentationsmaterial vorliegt, um einen Lernfortschritt in diesem Bereich sinnvoll zu dokumentieren. In der ersten Phase macht der Referendar jedoch wichtige Lernerfahrungen, die er für den eigenverantwortlichen Unterricht im 2. und 3. Semester als Basis braucht. Daher findet ein Lernprozess statt, der reflektiert werden sollte. Im 1. Semester eignet sich somit ein Lerntagebuch. Dies kann in digitaler Form geführt werden, da dadurch auch multimediale Inhalte zur Veranschaulichung hinzugefügt werden können. Für eine erste Evaluation der Unterrichtserfahrungen ist der Start mit einem Teamprojekt hilfreich. Die gemeinsame Reflexion mit Mitreferendaren stärkt die Selbstreflexionskompetenz. Die übernommenen Einzelstunden sowie die Stunden der Unterrichtsreihe werden ebenfalls reflektiert. Auch die gemeinsame Arbeit in den Fachseminarsitzungen sollte evaluiert werden in Bezug auf die eigene Professionalisierung. Das digitale Lerntagebuch bietet die Möglichkeit, einen individuellen Teil einzurichten sowie durch Freigabe in einem kollaborativen Bereich mit anderen zusammenzuarbeiten. Zu Unterrichtsstunden sollte in Form einer Tandemhospitation Rückmeldung von den Mitreferendaren erfolgen. Darüber hinaus werden Unterrichtsstunden gemeinsam mit dem Fachleiter besprochen. Vertreter der Seminarleitung unterstützen ebenfalls in Bezug auf die Inhalte, die im Hauptseminar besprochen wurden. Die Rückmeldung durch Mitreferendare, den Fachleiter und einem Vertreter der Seminarleitung erfolgt kriteriengeleitet und sollte dem Referendar helfen, Ausbildungsschwerpunkte zu setzen, die im weiteren Verlauf evaluiert werden. Aus der eigenen Reflexion und dem formativen Feedback geht hervor, in welchen Kompetenzbereichen man sich wohlfühlt und wo noch Entwicklungsbedarf besteht.

2. und 3. Semester

Übernimmt man eigenverantwortlich Lerngruppen, wird Unterricht kontinuierich geplant und durchgeführt. Zur Reflexion des eigenen Lernfortschritts eignet sich nun ein E-Portfolio. Je nachdem, welche digitale Möglichkeit man für das Lerntagebuch gewählt hat (z.B. Mahara), kann diese erweitert und fortgeführt werden als E-Portfolio. In dem E-Portfolio wird der eigene Kompetenzerwerb reflektiert und es werden Dokumentationen ausgewählt, die diesen Lernfortschritt deutlich machen. Portfoliogespräche sowie weitere Hospitationen durch den Fachleiter und Mitreferendare für ein formatives Feedback sind hilfreich, um Selbst- und Fremdwahrnehmung auf der Basis von pädagogisch-didaktischen sowie fachlichen Kriterien zusammenzubringen. Auch gemeinsame Evaluationsgespräche mit der Schulleitung der Schule, an der der Referendar eigenverantwortlich eingesetzt ist, können den Entwicklungsprozess unterstützen. Die Evaluationsgespräche mit einem Vertreter der Seminarleitung werden ebenfalls fortgeführt. Dadurch entstehen mehrere Perspektiven, was das Gefühl des Referendars der Abhängigkeit von der Bewertung durch nur eine Person verringert. Die Evaluationsergebnisse werden schriftlich festgehalten, damit der Referendar sie in der Reflexion seiner Weiterentwicklung berücksichtigen kann. Im Saarland wurden zudem am Studienseminar für die Sekundarstufen I und II an Gymnasien und Gemeinschaftsschulen für die Referendare Lizenzen von FeedbackSchule erworben, mit denen Referendare ihren Unterricht von den Schülerinnen und Schülern von Zeit zu Zeit evaluieren lassen können. Auch diese Ergebnisse sollten für Evaluationsgespräche genutzt werden, da hier eine weitere Perspektive hinzukommt. Der Referendar sollte sich durch die Selbstreflexion sowie aufgrund der Rückmeldungen Ziele für seine Professionalisierung setzen, deren Erreichen gemeinsam im weiteren Ausbildungsverlauf evaluiert wird. Am Ende jedes Semesters findet ein Gespräch statt, um den Gesamtverlauf zu evaluieren. Dies ist kriteriengeleitet und die Ergebnisse des Gesprächs werden entsprechend dokumentiert, damit der Referendar sie als Vorlage für die Planung seiner weiteren Entwicklungsschritte hat. Auch hieraus ergibt sich ein transparentes Bild, in welchen Kompetenzbereichen man sich weiterentwickelt hat und in welchen Bereichen noch Ausbildungsbedarf besteht.
Aufgrund dieser Begleitung und Evaluation der Entwicklung ergibt sich am Ende der Ausbildungszeit keine Note, sondern eine Bewertung z.B. nach folgendem Schema:
besonders geeignet
geeignet
bedingt geeignet
nicht geeignet

Diese Bewertung ist transparent und geht klar aus den Evaluationen hervor. Darüber hinaus ist sie aussagekräftig für die Schule, die den Referendar nach der Vorbereitungszeit einstellt. Bei der Bewertung bedingt geeignet wird eine Präzisierung hinzugefügt. Bestehen z.B. noch Unsicherheiten bei der Planung und bei dem Erreichen einer angemessenen Progression im Oberstufenunterricht, so wird die Schulleitung den Referendar vielleicht nicht direkt in einem Kurs einsetzen, sondern eher in der Einführungsphase, damit der Referendar weitere Zeit hat, sich in die Arbeit in der Oberstufe einzuarbeiten. Oder man stellt dem Referendar bei Übernahme eines Kurses einen Ansprechpartner zur Seite, der bei Unsicherheiten unterstützt.
Auf diese Art wird Bewertung transparenter und aussagekräftiger. Es ist klar, dass es bundesweit Vorgaben gibt in Bezug auf ein Staatsexamen. Und es ist klar, dass in Bezug auf die Bewertung, die über Einstellung oder Nichteinstellung entscheidet, Vergleichbarkeit nötig ist. Aber wenn niemand den ersten Schritt geht, wird keine Weiterentwicklung stattfinden.

Individuelle Dokumentationsmöglichkeiten

Die Dokumentation der Reflexion muss nicht als Fließtext verfasst werden. Es können Evaluationsbögen verwendet werden. Die Dokumentation kann auch in Form von Stichwörtern, Sprachnotizen, Vlogs, Sketchnotes, Mindmaps, Cluster... erfolgen. Im Vordergrund steht nicht die Form, sondern dass ein Reflexionsprozess angestoßen wird als Basis für eine Weiterentwicklung und Stärkung der Selbstveranwortung. Damit eine sinnvolle Evaluation erfolgen kann, ist die Kenntnis von Reflexionsmethoden nötig. Daher sind die Wahl einer Struktur und die Begleitung in der Anfangsphase hilfreich, um die eigene Reflexionskompetenz weiterzuentwickeln und dadurch Selbstverantwortung für die eigene Professionalisierung übernehmen zu können.