Lernen in der Postkreidezeit
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Working Out Loud für eine veränderte Lernkultur

5 Minuten Lesezeit

Das 4K-Modell des Lernens macht deutlich, welche Kompetenzen in einer digital geprägten Gesellschaft wichtig sind: Kreativität, Kommunikation, Kollaboration und kritisches Denken. Daher bleibt zu überlegen, wie im schulischen Unterricht diese Kompetenzen gefördert werden können. Meiner Meinung nach stellt der Ansatz Working Out Loud, der bisher vorwiegend in der Arbeitswelt verbreitet ist, ein geeignetes Gerüst dar. Es geht dabei nicht darum, sich wirtschaftlichen Zwängen anzupassen beim schulischen Lernen oder der Wirtschaft Dienste zu leisten. Es geht vielmehr darum, das Potenzial dieser Idee zu nutzen, um digitale Möglichkeiten, die unsere Gesellschaft prägen und unser Leben beeinflussen, adäquat zu nutzen, um Lernprozesse authentisch, nachhaltig und lernerzentriert zu gestalten und dabei die 4K zu fördern. Dafür ist es hilfreich, Arbeitsprozesse transparent zu machen, sich zu vernetzen und gemeinsam nach Wegen zu suchen. Im schulischen Kontext würde dies bedeuten, Lernen sichtbar zu machen, Lernwege zu dokumentieren und sich zu vernetzen und Lernpartner zu suchen, um die Lernwege gemeinsam zu reflektieren und ggf. zu verändern. Lernwege sichtbar zu machen, kostet Überwindung. Vor allem bedeutet es ein Wandel in der Fehlerkultur. Fehler dürfen nicht mehr als Defizit gesehen werden, sondern stellen eine Etappe auf einem noch nicht abgeschlossenen Lernweg dar. Fehler stören nicht, sondern können wertvolle Impulse zur Reflexion geben und den Arbeitsfortschritt vorantreiben. Fehler sind Zeichen eines Denkprozesses, gehören zu dem Lernprozess und zeigen nur, dass der Weg noch nicht ganz zielführend ist und man weiter daran arbeiten kann, sind aber kein persönlicher Makel, sondern gehören zu einer Lösungsfindung. Auch muss man lernen, mit Kritik angemessen umzugehen, denn es handelt sich nicht um Kritik an der eigenen Person, sondern um Vorschläge und gemeinsame Überlegungen, wie man einen Lernweg optimieren kann. Und man muss bereit sein, auch mal effektivere alternative Wege anzunehmen. Daher muss man auch lernen, Anmerkungen zu bzw. Evaluation von den Arbeitswegen anderer konstruktiv zu gestalten. Working Out Loud fördert dabei die 4K, da man gemeinsam an Lernwegen arbeitet (Kollaboration), dafür miteinander kommunizieren (Kommunikation) und sich kritisch mit thematischen Aspekten sowie den Lernwegen auseinandersetzen muss (kritisches Denken), um kreative Lösungen zu finden (Kreativität).

Welche Unterrichtsformen eignen sich?

Geeignet sind offene Unterrichtsformen, die Freiheit lassen, individuelle Lernwege zu gehen. Ansätze wie Challenge Based Learning bzw. projektbasiertes Lernen, Frei- oder Wochenplanarbeit erlauben es, Lernprozesse kreativ zu gestalten, sie kritisch zu hinterfragen und durch Kollaboration sowie Kommunikation sichtbar zu machen. Man kann sich für die Organisation der Arbeits- und Lernprozesse aber auch an der von John Stepper vorgeschlagenen Vorgehensweise orientieren. Man setzt sich Ziele, sucht sich Lernpartner, dokumentiert die Arbeitsprozesse, arbeitet gemeinsam an diesen Zielen, überdenkt gemeinsam die Arbeitsergebnisse sowie Lernwege und verändert sie ggf., um die Ziele gemeinsam zu erreichen. Wichtig ist das Bewusstsein, dass Lernen nach konnektivistischem Prinzip effektiver ist, da man gemeinsam Ideen entwickelt und Wege findet, die man alleine nicht in dieser Vielfalt und in diesem Umfang entdecken würde.

Wie kann man Lernen sichtbar machen?

In einer Lerngruppe oder auch darüber hinaus kann man Lernen sichtbar machen durch digitale Dokumentation und Bereitstellung. Denkbar wäre ein Online-Lerntagebuch, wie es von Prof. Ludwig an der Universität Potsdam entwickelt wurde. Hier können nicht nur individuell der Lernweg und die Arbeitsergebnisse dokumentiert und reflektiert werden, sondern alle Mitglieder der Lerngruppe haben Einsicht in die Einträge und können diese kommentieren, sodass ein Austausch entsteht und gemeinsam an Lernprozessen und Lösungswegen gearbeitet werden kann. Auch könnte man ein Wiki wählen, um gemeinsam das Arbeiten an einem Thema zu dokumentieren und zu reflektieren sowie Lernwege ggf. zu adaptieren. Ein Wiki ermöglicht Kollaboration und Kommunikation über den Diskussionsbereich. Wählt man z.B. ein Dokuwiki, kann man durch Passwortschutz auch nur der Lerngruppe Zugriff auf die Dokumentation geben. Es geht bei Working Out Loud zwar um ein Umdenken und eine Öffnung hin zum Teilen von Arbeitswegen und darum, dass es als normal empfunden wird, wenn Dokumentationen noch nicht abgeschlossen und perfekt sind, jedoch kann dies auch zuerst innerhalb der Lerngruppe stattfinden. Ebenso kann ein Blog verwendet werden, da er durch die Kommentarfunktion ebenfalls Austausch ermöglicht. Der Zugang lässt sich z.B. mit Wordpress ggf. durch Passwort einschränken. Auch Google Drive (Anmerkungen zum Datenschutz s. Digitaler Workflow im Unterricht mit Google Drive) lässt sich verwenden, da die Anwendungen kollaborativ nutzbar sind und ein Austausch über den Workchat stattfinden kann. Projekte können gemeinsam mit Anwendungen wie Trello realisiert werden. Digitale Möglichkeiten findet man problemlos, es geht darum, neue Lernwege zu gehen und schulisches Lernen anders zu denken.

Was bringt Working Out Loud für schulisches Lernen?

Ich sehe den Ansatz Working Out Loud als eine Chance und eine interessante Möglichkeit, Lernen umzudenken. Vieles daran ist nichts grundlegend Neues. Ich denke jedoch, dass die Vorgehensweise die Gestaltung von Lernprozessen bewusster macht, die Stärken der Lerngemeinschaft und das Potenzial digitaler Möglichkeiten effektiv nutzt und insgesamt ein offeneres Verständnis von Lernen hervorbringt, bei dem individuelle Lernwege auch mal mit Umwegen gegangen werden können, dabei jedoch kreatives Potenzial freigesetzt und kritisches Denken gefördert wird, was nachhaltiger ist als gelenkten Lösungswegen zu folgen und was kompetent macht, eigenständig und gleichzeitig vernetzt mit der Lerngemeinschaft Lern- bzw. Arbeitsprozesse erfolgreich zu gestalten.

Literatur

Adler, Jochen: Working Out Loud
Schleicher, Andreas: 21st Century Skills
Stepper, John: Working Out Loud
Stepper, John: Working Out Loud: The making of a movement
Wikipedia: 4K-Modell des Lernens

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